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Sascha

Ich sehe die Straße kaum. Mich überholen einige LKW's und ehe ich mich versehe leuchten Hamburgs Lichter vor mir auf.
Ich kann die Straße kaum noch sehen. Nicht, weil es sowieso den ganzen Tag schon regnet, ich weine. Ich weine wie der wohl allen bekannte Schlosshund.
Nicht nur, dass ich erschöpft bin und gern mal mehr als drei Stunden in einer Nacht schlafen möchte. Es ist das endgültige Ende. Es gibt kein zurück.
Der Schlüssel meiner alten gehassten und doch geliebten Wohnung liegt im Briefkasten meines Vermieters und ich versuche den überfüllten Anhänger irgendwie sicher Richtung Heimat zu lenken.
"Heimat" ist auch so ein blödes Wort. Welcher dieser vielen Orte aus den letzten Jahren ist denn nun meine "Heimat".
Im Inneren weiß ich es jedes Mal, wenn ich auf der Autobahn der glühenden Stadt entgegen fahre, aber ich habe noch nie zuvor wirklich in ihr gewohnt. Für ein paar Stunden, Tage, Wochen war es jedes Mal toll, aber ich frage mich, ob ich es auf Dauer ertrage.

Als ich heute den Anhänger ans Auto hängte und hoch guckte, sah ich auf einmal ein großes Lächeln. Ich stockte kurz, denn ich dachte, dass ich träumte. Vor mir stand Sascha. Ich bezeichne ihn gern als meinen "besten Freund". Obwohl wir uns so selten sehen, sind wir großartig zusammen. 
Nur mit meiner Mama habe ich mich bisher so krass gestritten und außer meiner Familie habe ich auch selten jemanden so vermisst.
Ich falle ihm in die Arme. Ich freue mich so so sehr und während ich das schreibe, kommen mir wieder die Tränen. Ich merke wie sein drei-Tage-Bart meine Wangen kratzt und rieche sein Parfum, dass ich aus 30km Entfernung bemerken würde und bin so glücklich. Gestern noch schrieb er mir, dass er sein Fußball-Training ausfallen lassen würde und ich antwortete, dass es nicht nötig wäre und wir uns bestimmt wiedersehen würden.
Es war eine gelungene Überraschung. Wir quatschten ein paar Worte und ich schenkte ihm mein Sofa, dass ich eigentlich wem anders versprochen hatte. Ich liebe dieses Sofa und weiß, dass es dort besser aufgehoben ist.

Kaum einen anderen Menschen habe ich jemals so geliebt, während ich ihn so verflucht habe. Wir verstehen uns jederzeit perfekt, auch wenn wir uns - so wie bis heute - drei Monate lang nicht sehen. Ab und an kam es vor, dass er bei mir schlief. Im Dezember war das sogar täglich der Fall.
Manchmal ging ich auch nachts noch spontan "in die Stadt". So nennt es sich, wenn man eine der zwei Kneipen in Bergen aufsucht, die um drei Uhr zur Sperrstunde schließen. Oft lief ich Sascha in die Arme. Teilweise sogar, nachdem wir uns geschworen hatten, dass wir uns nie wieder sehen wollen. 
Um ehrlich zu sein, waren wir mal kurz vor einer Beziehung. Das war ganz zu Anfang, bevor wir uns richtig kannten. Wir haben uns auf's übelste gezofft und nach vier Wochen Funkstille stand ich vor einer dieser Kneipen und beobachtete eine Schlägerei, die ein Kumpel, der mich begleitete, versuchte zu verhindern. So stand ich dort ganz allein, sah zur Seite und ein betrunkener Sascha sah mich an. "Och nö, ich hasse Dich", kam aus seinem Mund. Im Gegensatz zu ihm war ich nüchtern. Ich lächelte nur und versuchte mir nicht anmerken zu lassen, wie verletzt ich war. "Zu Dir oder zu mir?", er grinste bis zu den Ohren und ich war hin und her gerissen. 
Es war klar, dass er nicht mehr in der Lage war, nach Hause zu gehen und da ich nur 500m entfernt wohnte, nahm ich ihn natürlich mit. Er beschimpfte mich ununterbrochen und ich musste deswegen so lachen. Ich fand es niedlich, wie er versuchte der Starke zu bleiben, obwohl mir klar war, wie sehr wir uns vermisst hatten.


So viele Worte für eine Person, die ich erst seit etwa genau einem Jahr kenne.
Es war Vatertag, wir waren mit unterschiedlichen befreundeten Gruppen unterwegs, die sich auf der gleichen Strecke trafen. Ich kannte einige Storys über ihn. Ich stand vor ihm - wir waren so betrunken - und er sagte mir einfach ununterbrochen wie niedlich ich wäre.
Eine Woche später trennte ich mich von meinem Freund und kurze Zeit später liefen wir uns auf einer Feier über den Weg. 
An dem Abend waren wir unzertrennlich und er verdrehte mir den Kopf. Aus einer deprimierenden Beziehung, in der wir nicht einmal etwas zusammen unternahmen, hin zu diesem charmanten gut aussehendem Kerl. 

Ich liebe Sascha, aber mittlerweile ist er wie ein Bruder für mich. Es gibt nichts, was ich ihm nicht erzählen könnte und ich weiß wie er tickt. Ich habe ihn die letzten Wochen, in denen ich so mit meiner "Flucht" beschäftigt war, so sehr vermisst und nebenbei sogar vergessen ihm davon zu erzählen. 
Ich werde ihn so sehr vermissen. Es ist eben keine Freundschaft, in der man sich regelmäßig kontaktiert. Eher laufen wir uns zufällig über den Weg und genießen den Kontakt sofort wieder.


Achja, so viele intime Zeilen über eine Freundschaft, die ich bisher niemandem so detailiert erzählt habe. Es ist alles endgültig und es gibt kein zurück mehr. Es ist eine gewisse Neugierde da, ob ich die tollen Menschen aus Bergen jemals wiedersehe.
Das alles macht so sentimental. Ich bin froh, dass ich wenig Zeit habe, um über alles nachzudenken.

Tagebuch KW 17: Dan Humphrey, Blair Waldorf und Samantha Jones

Oft treffe ich mich mit Fremden. Ob Tinder oder Gruppen für Neulinge in Hamburg, mir sind alle Leute lieb, die sympathisch wirken. Nicht, weil ich Freunde oder die große Liebe suche. Eher, weil ich es liebe neue Leute kennen zu lernen und Erfahrungen zu sammeln.
So traf ich mich mit ihr am Anfang des Hamburger Berges. Wir gingen in "Rosi's Bar" und bei einem Bier auf einem der gemütlichen Sofas, lernten wir uns kennen. "Ich hasse Weiber!". Sie lachte. "Ich auch!", gab sie zu und wir verliebten uns sofort ineinander. 
Nach einigen Stunden tanzten wir in der Barbarabar zu Musik aus dem letzten 40 Jahren. 
In einer Großstadt voller Touristen kann ich den Studenten-Donnerstag auch jedem Nicht-Studenten empfehlen, der ausnahmsweise freitags frei hat. Ich hatte Freitag frei und war das ganze Wochenende zum Arbeiten weg, weswegen ich meinen geliebten Donnerstag nutzte.
Eine Jungstruppe schlängelte sich an uns vorbei. Nachdem sie sich mit sieben Personen in die Foto-Box gequetscht hatten, sprachen wir ein paar Sätze mit dem alkoholisiertesten unter ihnen. Hinter ihm wartete der Bestaussehendste der Gruppe aufs weitergehen. Ich lächelte ihn an und er hielt meinem Blick drei Sekunden stand. 
Noch am Vormittag in der S-Bahn hatte ich mir überlegt, dass ein Typ schon mindestens 3 Sekunden Blickkontakt halten können müsste, um einen Flirt wert zu sein.
Ich war nicht betrunken, ich war nur glücklich meinen Abend mit einer neugewonnenen Bekanntschaft verbingen zu können. Ich nahm all meinen Mut zusammen und ging zur Bar, wo der gutaussehende große Kerl grade Bier orderte. Ich fasste ihm sanft an den Oberarm und er drehte sich zu mir um. Ohne ein Zögern oder ein bisschen Angst, fragte ich: "Hey, hast du Lust mir deine Nummer zu geben?". Er gab sie mir. Unmöglich. Ich traute der Situation nicht. Es muss einen Haken geben. 
Der Haken kam dann auch im Laufe des Abends heraus, nachdem wir in die Bar wiederkehrten und wir kontaktierten uns auch nie. Ich bedauere es nicht. Ich habe das erste Mal einen wirklich hübschen Mann nach seiner Telefonnummer gefragt und habe gesiegt.

Wenig später fand ich mich tanzend in einer Bar wieder. Er, braun gebrannt bis zum geht-nicht-mehr, groß, muskulös mit ausgeblichenen wilden kurzen Locken und einfach sympathisch. "Sag mal, bist du Surflehrer?" - "Nein, Segellehrer", ich brach in schallendes Gelächter aus. Noch jetzt muss ich lachen, wenn ich an die Situation und sein weißes großes Lachen denke.

Morgens 11.30 Uhr in Hamburg: "Hey Judy, begleitest du mich um 16 Uhr zu einer Vernissage?". Natürlich. Eine Vernissage kenne ich aus Gossip Girl, aber wie ist das so im richtigen Leben? Mein verkatertes Ich gab alles um fit zu werden.
Einen Tag später: "Hey Patrick, ich war auf einer Vernissage" - "Eine Vernissage kenne ich, sowas haben die auch manchmal bei GZSZ."
Der Mythos Vernissage. Sowas gibt es doch nur in Filmen. Ich stellte mir eine schicke Galerie vor mit einer völlig durchgedrehten Künstlerin, die extrovertiert alle über ihre Gemälde aufklärt während die schick gekleideten Menschen Champagner saufen.
Champagner gab es, schick Gekleidete auch. Nur mit einem doppelstückigen Ingenierbüro mit Dachterasse hatte ich nicht gerechnet. 
Wir kamen rein, hängten unsere Jacken auf die Gaderobe und ich war unendlich froh, dass ich meine Jacke von Tommy Hilfiger anhatte, die ich meiner Mama entwendet habe und keine 10€-Sale-Winterjacke. Wir wurden angeguckt wie Aliens und so fühlten wir uns. Die wenigen Kinder, die da waren - und mit Kinder meine ich ungefähr drei Mädchen oder Jungen unter 25 Jahren, die ganz klar mit ihren steinreichen Eltern da waren - trugen Ralph Lauren Sommerkleider oder Anzüge. 
Meine Freundin setzte ihre Ray Ban Sonnenbrille auf und bestaunte meine Sonnenbrille. "Ist das eine von Prada? Die haben doch etwa so eine letztes Jahr rausgebracht.". Ich lachte herzlich und erklärte ihr, dass die Brille keineswegs mehr als 2€ gekostet hat. 
Nun saßen wir auf der Dachterasse, tranken Champagner und erfanden Geschichten, die wir den Leuten erzählen konnten, um einen Grund für unsere Anwesenheit zu finden. Meine Freundin wurde von ihrer Firma eingeladen, aber das konnte man ja keinem verraten bei Preisen für Acryl-Gemälde, die bei 600€ losgingen.
Mein Favorit war die Geschichte, in der ich Model und Hobbyfotografin war, die für ihr neues Loft in Wilhelmsburg noch passende Kunst sucht. Meine Freundin spinnte weiter und war plötzlich auch Model. "Wenn mich jemand fragt, warum ich mit 1,65m Model sein kann, dann erzähle ich halt, dass das der Grund ist weswegen ich keinen Erfolg habe". Wir weinten vor lachen und als uns die herrliche Frühlingssonne zu sehr im Gesicht brannte, plünderten wir das Buffet und verschwanden kurze Zeit später.


Auf dem Rückweg bummelten wir vom Jungfernstieg zum Hauptbahnhof. Als meine Freundin mich verließ um ihr Gleis zu suchen, stoppte mich ein Typ. "Hey, du hast 'nen coolen Stil, ich dachte, ich spreche dich mal an." Ich schmunzelte. Sollte mir sowas passieren? Gehöre ich nun tatsächlich zu den Leuten, die auf der Straße offen angeflirtet werden? Ich habe es mir wirklich nicht ausgedacht. Vielleicht komme ich an Videos, der Überwachungskameras, damit ich es später meinen Enkeln zeigen kann. 
Wir quatschten einige Minuten bis wir ohne Nummernaustausch weiterzogen. Ich habe einfach keine Zeit für zwischenmenschliche Beziehungen. 

Am Samstag stand ich um 5 Uhr auf um nach Bad Segeberg zu fahren. Mein erster Einsatz. Ich für Renault. Im Zug lernte ich noch schnell die Modelle, Preise und Ausstattungen um sofort alles zu vergessen. Es half auch nicht viel, dass ich bereits in der Nacht zuvor bis 3 Uhr versucht habe alles auswendig zu lernen. 
Ich lernte den Kunden und meinen Mitarbeiter kennen, mit dem ich einige Tage zuvor schon telefoniert hatte. Ich wusste nur, dass er genau so viel arbeitet wie ich und als er aus seinem Auto stieg, entpuppte er sich ausserdem als wirklich gutaussehend. 
Wir fuhren zum Aktionsort und bauten auf. Wir stellten fest, wie cool wir uns fanden und schon nach einer Stunde waren wir ein perfekt eingespieltes Team. Es war wie im Film. 
Ich bestellte den Kaffee, er nahm die Becher von der Theke, ich schüttete die Milch hinein, er warf ein Stück Zucker in meinen Becher. Klingt so geschrieben nun wirklich banal, aber für jemanden, den man genau zwei Stunden kennt, ein voller Erfolg.


Nach Feierabend fuhren wir mit seinem Auto an den Strand von Scharbeutz. Als auf der Sandbank eine Muschel lag, die er seiner Freundin gerne mitgebracht hätte, zögerte ich nicht lang. Ich zog einen meiner Schuhe aus, machte zwei große Schritte hinüber und holte sie ihm. Wir lachten und freuten uns am Meer zu sein. Statt wie geplant eine Hotelbar mit Panoramablick aufzusuchen, waren wir uns mit einem Blick einig, dass wir unser am Tag verdientes Geld, nicht so zum Fenster hinausschmeißen wollten. Wir fuhren ein Stück und legten ein Candle Light Dinner in einem günstigen Fast-Food-Laden ein. Wir teilten uns eine Cola, erzählten uns Geschichten über Gott und die Welt und wurden dabei zunehmender alberner durch die Müdigkeit. "Du siehst aus wie ein 14-Jähriger mit trainierten Oberarmen." - "Halt die Schnauze!". Wir waren auf einem Level und mochten uns sehr. 
Zurück im Hotel einigten wir uns schnell, dass ich den besseren Fernseher im Zimmer hätte und so quatschten wir bis 4.30 Uhr mit einer kleinen Menge Bier und wollten einfach nicht schlafen, weil die Zeit zu wertvoll war. 
Natürlich verschlief ich. Anders hätte es nicht kommen können. Dennoch war ich pünktlich. Ich musste eben nur auf das Frühstück und das Wach-werden verzichten.
Im Laufe des Tages alberten wir mit der Auszubildenden des Autohauses herum, fuhren mit dem Dacia eines Verkäufers eine üble Geländestrecke und wurden gelobt bis unsere Selbstwertgefühle ohne Ende wuchsen. Niemand bemerkte auch nur annährend, dass dies mein erster Einsatz war.
Auf der Rückfahrt erzählte Patrick mir, dass ich seine Enttäuschung über die letzten Einsätze mit unfähigen Neulingen, zunichte gemacht hätte und er noch nie jemanden dabei hatte, der am ersten Tag so gut war wie ich. Mein Selbstwertgefühl kam schließlich auf dem Mond an. "Ich nehme dich nun immer, wenn du Zeit hast, zu Einsätzen in Norddeutschland mit!". Keine leere Versprechung, sondern eine Ansage, die schon längst mit dem Arbeitgeber abgestimmt war. 
Als er mich vor meiner Haustür absetzte, vermisste ich ihn schon ein bisschen. Keine Sekunde dieses arbeitsreichen Wochenende, hatte ich darüber nachgedacht, dass ich grade arbeite. Ich genoss die Herausforderung die Leute zu informieren und das Tagesziel einzuhalten. Der Kunde war glücklich, der Mitarbeiter war glücklich, die Agentur war glücklich und ich bin immernoch glücklich. 


Mein Leben ist derzeit ein Film. Nichts von dem was passiert, erscheint mir wirklich. Die Sorgen um die Zukunft sind verflogen und stattdessen genieße ich die Gegenwart. Vielleicht behandle ich die üblen Dinge etwas zu gleichgültig, aber wenn ich es bisher bis hierher gebracht habe, dann kann ich nicht allzu sehr scheitern. 
Diese Gelassenheit, die nach einem Jahr plötzlich zurück ist, scheint mir gut zu stehen. Zumindest erkläre ich mir so meine neue Wirkung auf andere Menschen. 
Ich weiß was ich kann und habe keine Scheu, dies zu beweisen. Es ist nicht so, als würde ich mich überschätzen, eher unterschätze ich mich ständig und bin glücklich mich jedes Mal wieder positiv zu überraschen.
Das einzige was mir derzeit fehlt ist die Einschätzung der Zukunft und Zeit. Ich habe zu viele interessante Nebenjobs und weiß noch gar nicht, wie viele ich davon einstellen muss, wenn ich in einer Woche plötzlich wieder Vollzeit berufstätig bin. VIP-Betreuung, Touristenführungen, Tim Mälzer oder Autos? Bezahlung, Zeit oder Spaß? Ich muss mich demnächst entscheiden und um ehrlich zu sein, hätte ich gern jeden Tag der Woche eine andere Tätigkeit.

Nun sitze ich allein in der riesen großen Küche, mit einer angegessenen Pizza und einem leeren Saftglas neben mir und rauche kette während ich dies schreibe. Meine Akku-Anzeige blinkt panisch und ich fühle mich wie Dan Humphrey mit dem Charakter Blair Waldorfs. Mein oberflächlicher Kontakt mit dem männlichen Geschlecht ist wohl etwas mehr Samantha Jones, doch real ist nichts von dem. Vielleicht wache ich morgen auf und wohne wieder in der Kleinstadt und es war alles nur ein Traum.

Ich habe mich entschieden ab und an Anekdoten aus meinem Leben mit euch zu teilen. Ich werde die Posts nicht mehr so häufig bei Facebook teilen, da alles so privat ist. Ein Feedback von euch wäre wie immer großartig und ich versuche in Zukunft mehr Bilder hinzufügen zu können. Ich denke, dass ich demnächst an einem neuen Design und einem neuen Titel basteln werden, denn ich habe da so eine Idee..

Der fehlende Respekt der älteren Generation

Heute schlage ich zurück. Genug vom Gejammer über die mangelhafte Erziehung der heutigen Jugend. Ein schlauer Mann sagte einst: "Ein Schüler ist so gut wie sein Lehrer" und deswegen möchte ich heute über die täglichen Berührungen und den täglichen Sexismus berichten.
Ich arbeite in der Männerbranche. Ich beginne nun in meiner zweiten Firma und diese, wie auch die vorherige, stellen bzw. stellten mit mir die erste Frau ein.
In der ersten Firma ging einiges gründlich daneben. Mir fehlte Vitamin B und während andere als Schager der Tante des Sohnes des Chefs in der Firma angestellt waren, durfte ich buckeln. Auf Montage kommt man sich nahe. Man sieht tagelang nur seine Kollegen und so erzählt man sich auch den ein oder anderen privaten Quatsch.
Ich hielt meinen Mitarbeiter immer für sehr hilfsbereit und machte mir keine Sorgen, als er mich ständig zu sich einlud. Als dann eines Abends aber eine Einladung in sein Hotelzimmer folgte, die ich ablehnte, kam eine Nachricht, die mein Leben veränderte. Ich rechne hiermit grade mit ihm ab, würde ich behaupten. Einige Zitate: "Noch nie musste ich an eine Frau so viel denken, wie an dich", "Du bist schon so reif für dein Alter" und "Du gehst mir nicht mehr aus dem Kopf" waren noch harmlos. Was dachte dieser erwachsene Mann sich, dessen Kinder älter sind als ich? Für mich brach eine Welt zusammen als ich 600km weit weg von zu Hause allein in meinem Hotelzimmer hockte und nicht weiter wusste.
Ich fand eine Lösung und nun, ein Jahr später, traf ich meine eigene Entscheidung. So geht es nicht mehr. Ich suchte mir einen neuen Betrieb und hoffe nun, dass die Leute dort wissen wie man sich gegenüber Auszubildenden verhält.

Diese krasse Erfahrung ist aber im Endeffekt nichts besonderes für mich. Vor einem Jahr fing ich an im Service zu arbeiten und seit einigen Monaten nun als Hostess. Was so eine Hostess tut, ist leicht erklärt: Doof rumstehen und nett lächeln. Ich werde fürs Aussehen, für meine Anwesenheit und für mein Lächeln bezahlt. Achja und das Durchhaltevermögen auf hohen Schuhen.
Es macht mir Spaß für die höchsten Tiere oder die, die sich so fühlen, zu arbeiten. Man sammelt eine Menge Erfahrung.
Man sammelt eben auch einige Erfahrung mit sexistischen Äußerungen und bekommt eine dicke Haut und darum soll es hier gehen.
Auf der Baustelle erlebt man diese stumpfe Dummheit anderer. Nichts, worüber ich nicht lachen könnte. Meine Lieblingsbemerkung ist "Och Mensch, warum stellt unser Chef nie hübsche Frauen ein?"und obwohl durchaus derbe Kommentare gang und gebe sind, besteht immer ein Funke Respekt beider Seiten.

Als Hostess erlebe ich alles abseits von Respekt und Achtung. Ich bin die höfliche, freundlich lächelnde Dame, die jedem den Weg zeigt. Ich werde gleichzeitig auch so behandelt, als könnte ich nichts anderes. Die Leute tun, als wäre diese Tätigkeit meine Hauptbeschäftigung, weil ich nie etwas gelernt hätte oder lernen würde.
Zu abschätzigen Blicken oder Komplimenten, die sich einige Herren auch sparen könnten, kommen in diesem Fall aber auch Berührungen. Ob das ständige Schulter streicheln oder der schonungslose Griff um das Handgelenk, ich habe viel erlebt. Ich lächle freundlich weiter, obwohl ich dem Renter vor mir, der mich nicht loslässt, gerne auch mal einen Tritt verpassen würde.
Letztens unterhielt ich mich mit einem Mann - Mitte 40 - typischer Familienvater - und sprach davon, dass ich für diese Veranstaltung gebucht wurde. Bei diesen Worten starrte er mir auf den Bereich abseits meines Gesichts und grinste: "Achso, Sie kann man also buchen?".

Manchmal frage ich mich, ob ich den Männern dieser Welt wegen solcher Kommentare und Taten misstraue. Männer in meinem Alter machen eigentlich gar nicht so viel verkehrt und wissen sich zumindest zu benehmen, wenn sie mir gegenüber stehen und das ist für mich schon eine Menge wert.

Wenn ihr mögt, könnt ihr mir gerne von euren Erfahrungen berichten. Ich würde mich sehr freuen zu hören, was ihr im Alltag oder auf der Arbeit schon erlebt habt. Man muss natürlich nicht immer alles zu ernst sehen, aber jeder zieht seine eigenen Grenzen und Respekt ist das höchste Gut.

Und plötzlich lebe ich mit 7 Kerlen zusammen in der Großstadt

Letzte Nacht habe ich geträumt ich läge in meinem Bett im Hause meiner Mum. Als ich die Augen öffnete war ich verwirrt und wütend, da hier der Weg zum Bad so weit ist. Na gut, zu viele Informationen. 

Noch vor einem Monat hätte ich es mir nicht träumen lassen. Ich bin nun ein Mädchen in der Großstadt und jeden Morgen wieder denke ich, dass ich sicher träume und/oder mich in einem Film befinde. 
Aber mal ernsthaft. Anfang Februar traf ich diesen Entschluss und erkundigte mich hier und da mal, ich hatte nichts zu verlieren. Nun kommt Zusage nach Zusage und ich muss wiederrum alles absagen, da ich mich schon entschieden habe. 
Während meine Freunde auf Facebook posten "Langsam müssen wir mal was finden, wo wir uns heute betrinken", liege ich im Bett und denke mir "Naja, in 5 Stunden können wir ja vielleicht mal losgehen, vielleicht ist ja schon was los" und während wiederum andere mit ihren Mitbewohnern kämpfen, habe ich die besten Mitbewohner der Welt, würde ich bis jetzt zumindest behaupten. Bei 7 Kerlen findet man immer wen für irgendwas. Lust sich auszuheulen, Lust feiern zu gehen, Lust was zu kochen, Lust gemütlich ein Bier zu trinken. Bisher war alles möglich. Und was putzen und aufräumen angeht, so kann ich mir von der Horde ordentlich eine Scheibe abschneiden. 
Mein Leben ist grade so gut, wie ich es nie erwartet hätte und jede Woche kommt es besser als zuvor. Ich bin richtig glücklich. Am meistens freut es mich, dass keiner der Leute, die ich kenne, mir das zugetraut hätten. Sie dachten ich spinne oder es ging einfach so schnell, dass sie es nicht mitbekommen habe. 
Ich habe einfach meine eigene Einstellung umgekrempelt und dachte mir: "Wer mich nicht zu schätzen weiß, hat mich auch nicht verdient" und war weg. Von heut auf morgen. Es fiel mir so schwer alles geheim zu halten, aber nun kann ich es endlich sagen und habe nichts mehr zu verlieren. 
Alles safe, alles perfekt.


Gedanken, die man besser nicht denkt

Es ist als geht mein Traum in Erfüllung. Oops, es ist mein Traum, der in Erfüllung geht. Einen beschissenen Tag noch. Nur etwas über 12 Stunden und ich weiß, ob ich lebe oder sterbe. So fühlt es sich zumindest an. Frei sein oder weiter im Käfig eingesperrt vor sich hin leben.
Um ehrlich zu sein, ist es längst zu spät. Es geht nicht mehr zurück. Es ist nicht so, als würde ich auch nur einen blöden Millimeter zurück gehen. Ich will nur nach vorn und ich habe Angst, dass etwas dazwischen kommt. Seit Wochen arbeite ich auf eine Entscheidung hin und nun soll morgen der Tag sein? Ich habe einen Plan B. Ich bin nicht blöd. Natürlich habe ich etwas in der Hinterhand falls alle Stricke reißen, denn zurück will ich nicht. Auf gar keinen Fall. Niemals.
Dieser Druck, den ich seit Monaten mit mir herumschleppe, der scheint meinen Brustkorb zu sprengen. Ich will mich nicht zu früh freuen, vielleicht kommt doch noch was dazwischen. Ich habe alles nicht nur perfekt geplant, das Timing ist besser denn je. Es geht Schlag auf Schlag. Da ein Okay, da ein Anruf und es ist, als wäre diese Woche schon am Montag die Woche meines Lebens. Vielleicht freue ich mich doch zu früh. Es gibt kein zurück, ich finde einen Weg.