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Mit freundlichen Grüßen

Er erzählte mir schon wieder von seiner besten Freundin. Ich bekam das Kotzen. Wenn jemand mir von Menschen erzählt, die meinen mich zu kennen, die ich aber sicher nicht kenne und erst recht noch nie ein Wort mit ihnen gewechselt haben, dann kommt mir selbst nachts mein Frühstück wieder hoch und meine Nackenhaare stellen sich auf.

"Die wohnt doch da, wo du auch gewohnt hast. Sie weiß sogar, dass du mit sieben Kerlen zusammen wohnst" - "Ja, dann liest sie wahrscheinlich meinen Blog", erwidere ich genervt. "Warum sollte sie deinen Blog lesen? Sie sagt, dass eine Freundin von ihr einen Kumpel hat, der mit dir befreundet ist. Darum weiß sie alles über Dich." - "Ich habe zu niemandem aus der Stadt mehr Kontakt." - "Und woher sollte sie das dann wissen?!", er schnauzt mich genervt an. Diese Diskussion könnte ich noch ewig weiterführen und ich kenne diese Wortwechsel schon seit mindestens fünf Jahren.

Schon immer fanden gleichaltrige mich interessant. Früher eher im negativen Sinne, aber so war die Pubertät eben. Heute meist im positiven Sinne, aber das haben die Leute "von früher" noch nicht begriffen.

Mittlerweile weiß ich, dass ich Charisma habe. Eine gewisse Ausstrahlung. Vielleicht bin ich auch einfach eine Hexe oder ich bilde mir alles einfach ein. Ich finde, dass "Charisma" die schönste Erklärung ist und deshalb behalte ich sie vorerst.

Er griff das Thema wieder auf, während er sich neben mich ins Bett schmiss: "Wieso sollte sie deinen Blog lesen?" Ich grinste ihn an: "Weil ich zu interessant bin, ist doch selbstverständlich.". Wir lachten und teilten uns eine Zigarette. "Wenn ich so nachdenke. Sie stalkt Dich bei Instagram. Achja, poste bitte keine Bilder mehr mit dem Blick aus meinem Fenster. Sie soll nicht wissen, dass du hier warst."
Ich war mir nicht sicher, ob ich lachen oder weinen, bleiben oder gehen sollte. Ich entschied mich doch lieber für's Lachen und Bleiben. Seit Jahren hatte ich so einen Quatsch nicht mehr erlebt.

Als ich nach Bergen zog, lernte ich Kim kennen. Ein niedliches, aufgewecktes Mädchen, das kaum Luft holen konnte zwischen den Sätzen. Gleich zu Anfang erzählte sie mir, dass sie meinen Blog kennt und viele ihrer Freundinnen den auch kennen. Irgendwie passiert mir sowas immer wieder. Ich habe wenig Klicks und schreibe viel Banales und doch fühle ich mich manchmal wie eine kleine Berühmtheit.

Mit Texten wie diesem mache ich mich nicht beliebter. Dessen bin ich mir bewusst. Ich frage mich nur immer was in den Köpfen der Menschen vor sich geht. Beste Freundinnen, die ihren Freunden Kontakte verbieten. Ach übrigens, ich schlafe mich ja auch schon wieder durch die gesamte Männerwelt. Freunde, die ihre besten Freundinnen dermaßen hintergehen.
Ich bin in solchen Momenten einfach so unglaublich froh, dass ich diese Leute nie als Freunde bezeichnet habe oder sie nicht kenne. Dass meine Freunde ehrliche Typen sind, die mit mir höchstens mal über die Oma in Pink lästern, die wir bei einem Spaziergang um die Alster grade überholen oder den heißen Läufer, der läuft als wäre er schon 90 Jahre alt. Sowas tut keinem weh. Neid tut es. Gönnt euren Freunden und euch selbst doch einfach etwas mehr. Selbstvertrauen ist das schönste Gefühl der Welt.


Liebe Grüße an Julia.


Ich bin stolz ein Workaholic zu sein


Letztens wurde ich als arrogant betitelt. Ich sagte, dass ich bisher jeden Job bekommen habe, bei dem ich mich persönlich vorgestellt habe. Meine Statistik wurde auch diese Woche aufrecht erhalten.
Es beudetet für mich, dass ich in meinem Ausbildungsbetrieb von 7-16.30Uhr arbeite, dann fahre ich nach Hause, ziehe mich um und arbeite von 18-21.30Uhr also Hostess in einem bekannten angesehenen Restaurant. Meine Wochenenden sind bis Mitte Juli verplant und ich bin für eine Automarke jedes Wochenende als Beraterin und Promoterin im Einsatz.
Ich freue mich sehr darauf. Nicht nur wegen des Geldes, sondern wegen all den Erfahrungen, die ich sammeln kann.
Im letzten halben Jahr war ich auf einigen Messen tätig, Im Stadion und bei Privatveranstaltungen für VIP's. Ich habe viele Menschen kennen gelernt, habe meine Menschenkenntnis erweitern können und gelernt mich zu verkaufen. Eine der wichtigsten Eigenschaften heute.
Oft jammern Menschen mich voll, dass sie keine Arbeit finden und es so anstrengend sei. Für mich ist das kein Problem. Innerhalb von nur einer Stunde, in der ich ein wenig recherchiere bezüglich Nebenjobs, mache ich fünf Termine für Vorstellungsgespräche.
Man darf sich einfach nicht zu fein sein für irgendetwas, auch wenn ich schon viel abgelehnt habe, weil ich einfach nicht angewiesen bin auf Drecksarbeit.
Einmal suchte ein Restaurant eine Aushilfe und versprach einen guten Verdienst. Für 8,50€/h wollten sie einen Runner. Runner sind die, die die Tische abräumen oder das Essen bringen. Ohne direkten Kontakt zum Kunden - sprich: Kein Cent Trinkgeld. Natürlich versprechen sie einem immer, dass sie einen schulen und man gute Aufstiegsmöglichkeiten hat, aber das ist Bullshit. Wenn du einmal zeigst, dass du gerne die Drecksarbeit machst, dann steckst du in der Schublade fest.
Von meinen Hostessen-Jobs habe ich schon eine Menge erzählt. Gut aussehen und dumm rumstehen. Manchmal drückt man auch irgendwem was in die Hand. Eine Agentur rief mich letztens an. Sie schmierten mir Honig ums Maul und im Endeffekt sollte ich für 10€/h Toilettenfrau sein. "Sie müsen nur vor den Toiletten sitzen für 6h, nichts schlimmes" - "Nur da sitzen?" - "Naja, also wenn drei Leute auf wieder rauskommen, sollten Sie schonmal reingehen und die Toiletten ein wenig abwischen."
Wie gesagt, ich bin mir zu nichts zu schade, aber in die Schublade lasse ich mich nicht stecken. Beim nächsten Mal rufen Sie mich wieder an, weil es heißt: "Die Blöde macht alles für Geld."
Von diesen Agenturen versuche ich nun wegzukommen. Man bekommt leicht Jobs und wenn man sich einige Male bewiesen hat, dann kommt auch immer mehr, aber es ist nichts sicher. Du kannst im Vorfeld nicht planen wie viel du im Monat verdienst.
Für die besagte Automarke bin ich auch über eine Agentur tätig, aber nach den ersten beiden Einsätzen, wovon ich bei einem durch ein Missgeschick sogar zu spät kam, habe ich nun jedes Wochenende Aufträge und werde sehr viel besser bezahlt. Zudem komme ich immer wieder mit anderen Leuten in Kontakt und ich brauche die Herausforderung.
Oft fühle ich mich bei der Arbeit unwohl, weil ich unterfordert bin. Ich brauche Action und ich bin am glücklichsten, wenn ich abends tot müde ins Bett falle und weiß, was ich alles an einem Tag erreicht habe. Ich muss einfach gefordert werden und das ist auch einer der Gründe, warum ich in der Vergangenheit oft gescheitert bin. In der Schule zum Beispiel. Auf dem Gymnasium war ich keine gute Schülerin, immer im Mittelfeld. Ich würde aber behaupten, dass es daran lag, dass zusätzliche Leistung nicht geschätzt wurde und ich irgendwann aufgegeben habe, als ich gemerkt habe, wie leicht man sich durchmogeln kann ohne etwas zu tun.
Man darf es mir nicht zu leicht machen, dann bin ich gelangweilt und gebe mir keine Mühe mehr. Je größer die Herausforderung, desto größer der Ehrgeiz.

Manchmal wünsche ich mir, dass die Leute nachvollziehen können, was ich mir freiwillig antue. Das sie aufhören mich vollzujammern, weil sie eine 35h Woche haben oder wütend auf mich sind, weil ich nicht genug Zeit für sie habe. Klar, man muss Prioritäten setzen und bei wichtigen Angelegenheiten halte ich mir auch gerne die Zeit frei, aber meine größte Priorität ist es zumindest in Moment, so viel mitzunehmen wie möglich und so wenig still zu sitzen wie möglich.


Sascha

Ich sehe die Straße kaum. Mich überholen einige LKW's und ehe ich mich versehe leuchten Hamburgs Lichter vor mir auf.
Ich kann die Straße kaum noch sehen. Nicht, weil es sowieso den ganzen Tag schon regnet, ich weine. Ich weine wie der wohl allen bekannte Schlosshund.
Nicht nur, dass ich erschöpft bin und gern mal mehr als drei Stunden in einer Nacht schlafen möchte. Es ist das endgültige Ende. Es gibt kein zurück.
Der Schlüssel meiner alten gehassten und doch geliebten Wohnung liegt im Briefkasten meines Vermieters und ich versuche den überfüllten Anhänger irgendwie sicher Richtung Heimat zu lenken.
"Heimat" ist auch so ein blödes Wort. Welcher dieser vielen Orte aus den letzten Jahren ist denn nun meine "Heimat".
Im Inneren weiß ich es jedes Mal, wenn ich auf der Autobahn der glühenden Stadt entgegen fahre, aber ich habe noch nie zuvor wirklich in ihr gewohnt. Für ein paar Stunden, Tage, Wochen war es jedes Mal toll, aber ich frage mich, ob ich es auf Dauer ertrage.

Als ich heute den Anhänger ans Auto hängte und hoch guckte, sah ich auf einmal ein großes Lächeln. Ich stockte kurz, denn ich dachte, dass ich träumte. Vor mir stand Sascha. Ich bezeichne ihn gern als meinen "besten Freund". Obwohl wir uns so selten sehen, sind wir großartig zusammen. 
Nur mit meiner Mama habe ich mich bisher so krass gestritten und außer meiner Familie habe ich auch selten jemanden so vermisst.
Ich falle ihm in die Arme. Ich freue mich so so sehr und während ich das schreibe, kommen mir wieder die Tränen. Ich merke wie sein drei-Tage-Bart meine Wangen kratzt und rieche sein Parfum, dass ich aus 30km Entfernung bemerken würde und bin so glücklich. Gestern noch schrieb er mir, dass er sein Fußball-Training ausfallen lassen würde und ich antwortete, dass es nicht nötig wäre und wir uns bestimmt wiedersehen würden.
Es war eine gelungene Überraschung. Wir quatschten ein paar Worte und ich schenkte ihm mein Sofa, dass ich eigentlich wem anders versprochen hatte. Ich liebe dieses Sofa und weiß, dass es dort besser aufgehoben ist.

Kaum einen anderen Menschen habe ich jemals so geliebt, während ich ihn so verflucht habe. Wir verstehen uns jederzeit perfekt, auch wenn wir uns - so wie bis heute - drei Monate lang nicht sehen. Ab und an kam es vor, dass er bei mir schlief. Im Dezember war das sogar täglich der Fall.
Manchmal ging ich auch nachts noch spontan "in die Stadt". So nennt es sich, wenn man eine der zwei Kneipen in Bergen aufsucht, die um drei Uhr zur Sperrstunde schließen. Oft lief ich Sascha in die Arme. Teilweise sogar, nachdem wir uns geschworen hatten, dass wir uns nie wieder sehen wollen. 
Um ehrlich zu sein, waren wir mal kurz vor einer Beziehung. Das war ganz zu Anfang, bevor wir uns richtig kannten. Wir haben uns auf's übelste gezofft und nach vier Wochen Funkstille stand ich vor einer dieser Kneipen und beobachtete eine Schlägerei, die ein Kumpel, der mich begleitete, versuchte zu verhindern. So stand ich dort ganz allein, sah zur Seite und ein betrunkener Sascha sah mich an. "Och nö, ich hasse Dich", kam aus seinem Mund. Im Gegensatz zu ihm war ich nüchtern. Ich lächelte nur und versuchte mir nicht anmerken zu lassen, wie verletzt ich war. "Zu Dir oder zu mir?", er grinste bis zu den Ohren und ich war hin und her gerissen. 
Es war klar, dass er nicht mehr in der Lage war, nach Hause zu gehen und da ich nur 500m entfernt wohnte, nahm ich ihn natürlich mit. Er beschimpfte mich ununterbrochen und ich musste deswegen so lachen. Ich fand es niedlich, wie er versuchte der Starke zu bleiben, obwohl mir klar war, wie sehr wir uns vermisst hatten.


So viele Worte für eine Person, die ich erst seit etwa genau einem Jahr kenne.
Es war Vatertag, wir waren mit unterschiedlichen befreundeten Gruppen unterwegs, die sich auf der gleichen Strecke trafen. Ich kannte einige Storys über ihn. Ich stand vor ihm - wir waren so betrunken - und er sagte mir einfach ununterbrochen wie niedlich ich wäre.
Eine Woche später trennte ich mich von meinem Freund und kurze Zeit später liefen wir uns auf einer Feier über den Weg. 
An dem Abend waren wir unzertrennlich und er verdrehte mir den Kopf. Aus einer deprimierenden Beziehung, in der wir nicht einmal etwas zusammen unternahmen, hin zu diesem charmanten gut aussehendem Kerl. 

Ich liebe Sascha, aber mittlerweile ist er wie ein Bruder für mich. Es gibt nichts, was ich ihm nicht erzählen könnte und ich weiß wie er tickt. Ich habe ihn die letzten Wochen, in denen ich so mit meiner "Flucht" beschäftigt war, so sehr vermisst und nebenbei sogar vergessen ihm davon zu erzählen. 
Ich werde ihn so sehr vermissen. Es ist eben keine Freundschaft, in der man sich regelmäßig kontaktiert. Eher laufen wir uns zufällig über den Weg und genießen den Kontakt sofort wieder.


Achja, so viele intime Zeilen über eine Freundschaft, die ich bisher niemandem so detailiert erzählt habe. Es ist alles endgültig und es gibt kein zurück mehr. Es ist eine gewisse Neugierde da, ob ich die tollen Menschen aus Bergen jemals wiedersehe.
Das alles macht so sentimental. Ich bin froh, dass ich wenig Zeit habe, um über alles nachzudenken.

Tagebuch KW 17: Dan Humphrey, Blair Waldorf und Samantha Jones

Oft treffe ich mich mit Fremden. Ob Tinder oder Gruppen für Neulinge in Hamburg, mir sind alle Leute lieb, die sympathisch wirken. Nicht, weil ich Freunde oder die große Liebe suche. Eher, weil ich es liebe neue Leute kennen zu lernen und Erfahrungen zu sammeln.
So traf ich mich mit ihr am Anfang des Hamburger Berges. Wir gingen in "Rosi's Bar" und bei einem Bier auf einem der gemütlichen Sofas, lernten wir uns kennen. "Ich hasse Weiber!". Sie lachte. "Ich auch!", gab sie zu und wir verliebten uns sofort ineinander. 
Nach einigen Stunden tanzten wir in der Barbarabar zu Musik aus dem letzten 40 Jahren. 
In einer Großstadt voller Touristen kann ich den Studenten-Donnerstag auch jedem Nicht-Studenten empfehlen, der ausnahmsweise freitags frei hat. Ich hatte Freitag frei und war das ganze Wochenende zum Arbeiten weg, weswegen ich meinen geliebten Donnerstag nutzte.
Eine Jungstruppe schlängelte sich an uns vorbei. Nachdem sie sich mit sieben Personen in die Foto-Box gequetscht hatten, sprachen wir ein paar Sätze mit dem alkoholisiertesten unter ihnen. Hinter ihm wartete der Bestaussehendste der Gruppe aufs weitergehen. Ich lächelte ihn an und er hielt meinem Blick drei Sekunden stand. 
Noch am Vormittag in der S-Bahn hatte ich mir überlegt, dass ein Typ schon mindestens 3 Sekunden Blickkontakt halten können müsste, um einen Flirt wert zu sein.
Ich war nicht betrunken, ich war nur glücklich meinen Abend mit einer neugewonnenen Bekanntschaft verbingen zu können. Ich nahm all meinen Mut zusammen und ging zur Bar, wo der gutaussehende große Kerl grade Bier orderte. Ich fasste ihm sanft an den Oberarm und er drehte sich zu mir um. Ohne ein Zögern oder ein bisschen Angst, fragte ich: "Hey, hast du Lust mir deine Nummer zu geben?". Er gab sie mir. Unmöglich. Ich traute der Situation nicht. Es muss einen Haken geben. 
Der Haken kam dann auch im Laufe des Abends heraus, nachdem wir in die Bar wiederkehrten und wir kontaktierten uns auch nie. Ich bedauere es nicht. Ich habe das erste Mal einen wirklich hübschen Mann nach seiner Telefonnummer gefragt und habe gesiegt.

Wenig später fand ich mich tanzend in einer Bar wieder. Er, braun gebrannt bis zum geht-nicht-mehr, groß, muskulös mit ausgeblichenen wilden kurzen Locken und einfach sympathisch. "Sag mal, bist du Surflehrer?" - "Nein, Segellehrer", ich brach in schallendes Gelächter aus. Noch jetzt muss ich lachen, wenn ich an die Situation und sein weißes großes Lachen denke.

Morgens 11.30 Uhr in Hamburg: "Hey Judy, begleitest du mich um 16 Uhr zu einer Vernissage?". Natürlich. Eine Vernissage kenne ich aus Gossip Girl, aber wie ist das so im richtigen Leben? Mein verkatertes Ich gab alles um fit zu werden.
Einen Tag später: "Hey Patrick, ich war auf einer Vernissage" - "Eine Vernissage kenne ich, sowas haben die auch manchmal bei GZSZ."
Der Mythos Vernissage. Sowas gibt es doch nur in Filmen. Ich stellte mir eine schicke Galerie vor mit einer völlig durchgedrehten Künstlerin, die extrovertiert alle über ihre Gemälde aufklärt während die schick gekleideten Menschen Champagner saufen.
Champagner gab es, schick Gekleidete auch. Nur mit einem doppelstückigen Ingenierbüro mit Dachterasse hatte ich nicht gerechnet. 
Wir kamen rein, hängten unsere Jacken auf die Gaderobe und ich war unendlich froh, dass ich meine Jacke von Tommy Hilfiger anhatte, die ich meiner Mama entwendet habe und keine 10€-Sale-Winterjacke. Wir wurden angeguckt wie Aliens und so fühlten wir uns. Die wenigen Kinder, die da waren - und mit Kinder meine ich ungefähr drei Mädchen oder Jungen unter 25 Jahren, die ganz klar mit ihren steinreichen Eltern da waren - trugen Ralph Lauren Sommerkleider oder Anzüge. 
Meine Freundin setzte ihre Ray Ban Sonnenbrille auf und bestaunte meine Sonnenbrille. "Ist das eine von Prada? Die haben doch etwa so eine letztes Jahr rausgebracht.". Ich lachte herzlich und erklärte ihr, dass die Brille keineswegs mehr als 2€ gekostet hat. 
Nun saßen wir auf der Dachterasse, tranken Champagner und erfanden Geschichten, die wir den Leuten erzählen konnten, um einen Grund für unsere Anwesenheit zu finden. Meine Freundin wurde von ihrer Firma eingeladen, aber das konnte man ja keinem verraten bei Preisen für Acryl-Gemälde, die bei 600€ losgingen.
Mein Favorit war die Geschichte, in der ich Model und Hobbyfotografin war, die für ihr neues Loft in Wilhelmsburg noch passende Kunst sucht. Meine Freundin spinnte weiter und war plötzlich auch Model. "Wenn mich jemand fragt, warum ich mit 1,65m Model sein kann, dann erzähle ich halt, dass das der Grund ist weswegen ich keinen Erfolg habe". Wir weinten vor lachen und als uns die herrliche Frühlingssonne zu sehr im Gesicht brannte, plünderten wir das Buffet und verschwanden kurze Zeit später.


Auf dem Rückweg bummelten wir vom Jungfernstieg zum Hauptbahnhof. Als meine Freundin mich verließ um ihr Gleis zu suchen, stoppte mich ein Typ. "Hey, du hast 'nen coolen Stil, ich dachte, ich spreche dich mal an." Ich schmunzelte. Sollte mir sowas passieren? Gehöre ich nun tatsächlich zu den Leuten, die auf der Straße offen angeflirtet werden? Ich habe es mir wirklich nicht ausgedacht. Vielleicht komme ich an Videos, der Überwachungskameras, damit ich es später meinen Enkeln zeigen kann. 
Wir quatschten einige Minuten bis wir ohne Nummernaustausch weiterzogen. Ich habe einfach keine Zeit für zwischenmenschliche Beziehungen. 

Am Samstag stand ich um 5 Uhr auf um nach Bad Segeberg zu fahren. Mein erster Einsatz. Ich für Renault. Im Zug lernte ich noch schnell die Modelle, Preise und Ausstattungen um sofort alles zu vergessen. Es half auch nicht viel, dass ich bereits in der Nacht zuvor bis 3 Uhr versucht habe alles auswendig zu lernen. 
Ich lernte den Kunden und meinen Mitarbeiter kennen, mit dem ich einige Tage zuvor schon telefoniert hatte. Ich wusste nur, dass er genau so viel arbeitet wie ich und als er aus seinem Auto stieg, entpuppte er sich ausserdem als wirklich gutaussehend. 
Wir fuhren zum Aktionsort und bauten auf. Wir stellten fest, wie cool wir uns fanden und schon nach einer Stunde waren wir ein perfekt eingespieltes Team. Es war wie im Film. 
Ich bestellte den Kaffee, er nahm die Becher von der Theke, ich schüttete die Milch hinein, er warf ein Stück Zucker in meinen Becher. Klingt so geschrieben nun wirklich banal, aber für jemanden, den man genau zwei Stunden kennt, ein voller Erfolg.


Nach Feierabend fuhren wir mit seinem Auto an den Strand von Scharbeutz. Als auf der Sandbank eine Muschel lag, die er seiner Freundin gerne mitgebracht hätte, zögerte ich nicht lang. Ich zog einen meiner Schuhe aus, machte zwei große Schritte hinüber und holte sie ihm. Wir lachten und freuten uns am Meer zu sein. Statt wie geplant eine Hotelbar mit Panoramablick aufzusuchen, waren wir uns mit einem Blick einig, dass wir unser am Tag verdientes Geld, nicht so zum Fenster hinausschmeißen wollten. Wir fuhren ein Stück und legten ein Candle Light Dinner in einem günstigen Fast-Food-Laden ein. Wir teilten uns eine Cola, erzählten uns Geschichten über Gott und die Welt und wurden dabei zunehmender alberner durch die Müdigkeit. "Du siehst aus wie ein 14-Jähriger mit trainierten Oberarmen." - "Halt die Schnauze!". Wir waren auf einem Level und mochten uns sehr. 
Zurück im Hotel einigten wir uns schnell, dass ich den besseren Fernseher im Zimmer hätte und so quatschten wir bis 4.30 Uhr mit einer kleinen Menge Bier und wollten einfach nicht schlafen, weil die Zeit zu wertvoll war. 
Natürlich verschlief ich. Anders hätte es nicht kommen können. Dennoch war ich pünktlich. Ich musste eben nur auf das Frühstück und das Wach-werden verzichten.
Im Laufe des Tages alberten wir mit der Auszubildenden des Autohauses herum, fuhren mit dem Dacia eines Verkäufers eine üble Geländestrecke und wurden gelobt bis unsere Selbstwertgefühle ohne Ende wuchsen. Niemand bemerkte auch nur annährend, dass dies mein erster Einsatz war.
Auf der Rückfahrt erzählte Patrick mir, dass ich seine Enttäuschung über die letzten Einsätze mit unfähigen Neulingen, zunichte gemacht hätte und er noch nie jemanden dabei hatte, der am ersten Tag so gut war wie ich. Mein Selbstwertgefühl kam schließlich auf dem Mond an. "Ich nehme dich nun immer, wenn du Zeit hast, zu Einsätzen in Norddeutschland mit!". Keine leere Versprechung, sondern eine Ansage, die schon längst mit dem Arbeitgeber abgestimmt war. 
Als er mich vor meiner Haustür absetzte, vermisste ich ihn schon ein bisschen. Keine Sekunde dieses arbeitsreichen Wochenende, hatte ich darüber nachgedacht, dass ich grade arbeite. Ich genoss die Herausforderung die Leute zu informieren und das Tagesziel einzuhalten. Der Kunde war glücklich, der Mitarbeiter war glücklich, die Agentur war glücklich und ich bin immernoch glücklich. 


Mein Leben ist derzeit ein Film. Nichts von dem was passiert, erscheint mir wirklich. Die Sorgen um die Zukunft sind verflogen und stattdessen genieße ich die Gegenwart. Vielleicht behandle ich die üblen Dinge etwas zu gleichgültig, aber wenn ich es bisher bis hierher gebracht habe, dann kann ich nicht allzu sehr scheitern. 
Diese Gelassenheit, die nach einem Jahr plötzlich zurück ist, scheint mir gut zu stehen. Zumindest erkläre ich mir so meine neue Wirkung auf andere Menschen. 
Ich weiß was ich kann und habe keine Scheu, dies zu beweisen. Es ist nicht so, als würde ich mich überschätzen, eher unterschätze ich mich ständig und bin glücklich mich jedes Mal wieder positiv zu überraschen.
Das einzige was mir derzeit fehlt ist die Einschätzung der Zukunft und Zeit. Ich habe zu viele interessante Nebenjobs und weiß noch gar nicht, wie viele ich davon einstellen muss, wenn ich in einer Woche plötzlich wieder Vollzeit berufstätig bin. VIP-Betreuung, Touristenführungen, Tim Mälzer oder Autos? Bezahlung, Zeit oder Spaß? Ich muss mich demnächst entscheiden und um ehrlich zu sein, hätte ich gern jeden Tag der Woche eine andere Tätigkeit.

Nun sitze ich allein in der riesen großen Küche, mit einer angegessenen Pizza und einem leeren Saftglas neben mir und rauche kette während ich dies schreibe. Meine Akku-Anzeige blinkt panisch und ich fühle mich wie Dan Humphrey mit dem Charakter Blair Waldorfs. Mein oberflächlicher Kontakt mit dem männlichen Geschlecht ist wohl etwas mehr Samantha Jones, doch real ist nichts von dem. Vielleicht wache ich morgen auf und wohne wieder in der Kleinstadt und es war alles nur ein Traum.

Ich habe mich entschieden ab und an Anekdoten aus meinem Leben mit euch zu teilen. Ich werde die Posts nicht mehr so häufig bei Facebook teilen, da alles so privat ist. Ein Feedback von euch wäre wie immer großartig und ich versuche in Zukunft mehr Bilder hinzufügen zu können. Ich denke, dass ich demnächst an einem neuen Design und einem neuen Titel basteln werden, denn ich habe da so eine Idee..

Der fehlende Respekt der älteren Generation

Heute schlage ich zurück. Genug vom Gejammer über die mangelhafte Erziehung der heutigen Jugend. Ein schlauer Mann sagte einst: "Ein Schüler ist so gut wie sein Lehrer" und deswegen möchte ich heute über die täglichen Berührungen und den täglichen Sexismus berichten.
Ich arbeite in der Männerbranche. Ich beginne nun in meiner zweiten Firma und diese, wie auch die vorherige, stellen bzw. stellten mit mir die erste Frau ein.
In der ersten Firma ging einiges gründlich daneben. Mir fehlte Vitamin B und während andere als Schager der Tante des Sohnes des Chefs in der Firma angestellt waren, durfte ich buckeln. Auf Montage kommt man sich nahe. Man sieht tagelang nur seine Kollegen und so erzählt man sich auch den ein oder anderen privaten Quatsch.
Ich hielt meinen Mitarbeiter immer für sehr hilfsbereit und machte mir keine Sorgen, als er mich ständig zu sich einlud. Als dann eines Abends aber eine Einladung in sein Hotelzimmer folgte, die ich ablehnte, kam eine Nachricht, die mein Leben veränderte. Ich rechne hiermit grade mit ihm ab, würde ich behaupten. Einige Zitate: "Noch nie musste ich an eine Frau so viel denken, wie an dich", "Du bist schon so reif für dein Alter" und "Du gehst mir nicht mehr aus dem Kopf" waren noch harmlos. Was dachte dieser erwachsene Mann sich, dessen Kinder älter sind als ich? Für mich brach eine Welt zusammen als ich 600km weit weg von zu Hause allein in meinem Hotelzimmer hockte und nicht weiter wusste.
Ich fand eine Lösung und nun, ein Jahr später, traf ich meine eigene Entscheidung. So geht es nicht mehr. Ich suchte mir einen neuen Betrieb und hoffe nun, dass die Leute dort wissen wie man sich gegenüber Auszubildenden verhält.

Diese krasse Erfahrung ist aber im Endeffekt nichts besonderes für mich. Vor einem Jahr fing ich an im Service zu arbeiten und seit einigen Monaten nun als Hostess. Was so eine Hostess tut, ist leicht erklärt: Doof rumstehen und nett lächeln. Ich werde fürs Aussehen, für meine Anwesenheit und für mein Lächeln bezahlt. Achja und das Durchhaltevermögen auf hohen Schuhen.
Es macht mir Spaß für die höchsten Tiere oder die, die sich so fühlen, zu arbeiten. Man sammelt eine Menge Erfahrung.
Man sammelt eben auch einige Erfahrung mit sexistischen Äußerungen und bekommt eine dicke Haut und darum soll es hier gehen.
Auf der Baustelle erlebt man diese stumpfe Dummheit anderer. Nichts, worüber ich nicht lachen könnte. Meine Lieblingsbemerkung ist "Och Mensch, warum stellt unser Chef nie hübsche Frauen ein?"und obwohl durchaus derbe Kommentare gang und gebe sind, besteht immer ein Funke Respekt beider Seiten.

Als Hostess erlebe ich alles abseits von Respekt und Achtung. Ich bin die höfliche, freundlich lächelnde Dame, die jedem den Weg zeigt. Ich werde gleichzeitig auch so behandelt, als könnte ich nichts anderes. Die Leute tun, als wäre diese Tätigkeit meine Hauptbeschäftigung, weil ich nie etwas gelernt hätte oder lernen würde.
Zu abschätzigen Blicken oder Komplimenten, die sich einige Herren auch sparen könnten, kommen in diesem Fall aber auch Berührungen. Ob das ständige Schulter streicheln oder der schonungslose Griff um das Handgelenk, ich habe viel erlebt. Ich lächle freundlich weiter, obwohl ich dem Renter vor mir, der mich nicht loslässt, gerne auch mal einen Tritt verpassen würde.
Letztens unterhielt ich mich mit einem Mann - Mitte 40 - typischer Familienvater - und sprach davon, dass ich für diese Veranstaltung gebucht wurde. Bei diesen Worten starrte er mir auf den Bereich abseits meines Gesichts und grinste: "Achso, Sie kann man also buchen?".

Manchmal frage ich mich, ob ich den Männern dieser Welt wegen solcher Kommentare und Taten misstraue. Männer in meinem Alter machen eigentlich gar nicht so viel verkehrt und wissen sich zumindest zu benehmen, wenn sie mir gegenüber stehen und das ist für mich schon eine Menge wert.

Wenn ihr mögt, könnt ihr mir gerne von euren Erfahrungen berichten. Ich würde mich sehr freuen zu hören, was ihr im Alltag oder auf der Arbeit schon erlebt habt. Man muss natürlich nicht immer alles zu ernst sehen, aber jeder zieht seine eigenen Grenzen und Respekt ist das höchste Gut.